Hintergrundinformationen
Die südamerikanische Biberratte (Nutria, Myocastor coypus) mit ihren auffällig orange gefärbten langen Nagezähnen breitet sich seit ihrer Einschleppung im 20. Jahrhundert in Deutschland überaus stark aus: Sie kam 2023 bereits in 35 Prozent der untersuchten Jagdreviere vor, laut Deutschem Jagdverband eine Verdopplung gegenüber 2015 (vgl. ZDF 2025; MLEUV Brandenburg o.J.).
Nutrias graben Tunnelsysteme in Uferböschungen und Deiche, was diese destabilisiert und im Extremfall zu Deichbrüchen führen kann – eine direkte Gefahr für die kritische Infrastruktur des Hochwasserschutzes. Gleichzeitig fressen sie Schilfbestände und/oder gefährdete Pflanzenarten wie die Sumpf-Schwertlilie und die Gelbe Teichrose oder sie reduzieren Muschelpopulationen, wodurch heimische, teils besonders geschützte Arten unter Druck geraten und die Biodiversität leidet (vgl. Bayerisches Wildtierportal o.J.).
„Nutrias lieben es, Röhricht zu fressen. Sie sorgen dafür, dass komplette Flussläufe schilffrei werden. Das hat gravierende Folgen für die Artenvielfalt“, sagt der Präsident des Deutschen Jagdverbandes Helmut Dammann-Tamke (ZDF 2025). Zuständige Behörden lassen die Tiere daher bejagen mit dem Ziel der Bestandsregulierung, nicht der vollständigen Ausrottung (vgl. etwa Landesamt für Umwelt Brandenburg o.J.). In Bayern darf die Nutria als invasive Art mit Ausnahme vom Elterntierschutz (§ 22 BJagdG, Abs. 4) ganzjährig bejagt werden. Ethisch brisant wird der Fall, weil die Nutria lediglich ihrer arttypischen Lebensweise folgt – ihre Anwesenheit in Deutschland geht auf menschliches Handeln zurück, nicht auf ein eigenes Verhalten im moralischen Sinne.
Für den Kompetenzerwerb der Schüler:innen ist entscheidend, dass sie den Konflikt im Unterricht nicht als reine „Wissensfrage“, sondern als reale Wertefrage erleben: Zwischen dem Wert des Lebens eines Tieres, das seiner arttypischen Lebensweise nachgeht (Nutria), dem Schutz von Menschen (Deichsicherheit und Hochwasserschutz) und dem Schutz anderer Tiere und Pflanzen aufgrund der invasiven Ausbreitung der Nutria (Biodiversität) lässt sich nicht ohne Weiteres eine einzige richtige Antwort finden bzw. ist eine ethische Positionierung und eine Reflexion zur Hierarchisierung der Güter gefragt. Was hat ethisch Vorrang: der Lebensschutz des einzelnen Tieres, der Artenschutz und die Biodiversität und/oder die Sicherheit der Infrastruktur bzw. der lokale Hochwasserschutz?
Exkurs: Ethische Grundpositionen
Für leistungsstärkere Gruppen oder höhere Jahrgangsstufen lohnt sich zusätzlich ein Blick auf vier klassische ethische Grundpositionen, die unterschiedlich beantworten, wessen Interessen im Nutria-Fall moralisch zählen (s. u. Differenzierungsmöglichkeiten):
• Anthropozentrismus: Nur der Mensch besitzt einen moralischen Eigenwert; Tiere und Natur werden danach bewertet, welchen Nutzen oder welche Gefahr sie für den Menschen darstellen. Im Fall: Vorrang für Deichsicherheit und Menschenschutz.
• Pathozentrismus: Moralisch zählt jedes leidensfähige Wesen, also auch Tiere, die Schmerz und Angst empfinden können. Im Fall: Das Leid und die Tötung der einzelnen Nutria zählen moralisch mit.
• Biozentrismus: Jedes Lebewesen – auch Pflanzen – hat einen Eigenwert, weil es lebt und ein Interesse am eigenen Fortbestehen hat (Prinzip „Ehrfurcht vor dem Leben“, Albert Schweitzer). Im Fall: Auch das Schilf, die Muscheln und die einzelne Nutria zählen moralisch mit, unabhängig davon, welchen Nutzen oder Schaden sie für andere haben – der Schutz von Schilfgürtel und Artenvielfalt gehört damit in diese Position.
• Physiozentrismus: Nicht nur Lebewesen, sondern alles Existierende – auch unbelebte Natur wie der Fluss, der Boden oder das Gestein des Deichs – hat einen Eigenwert und moralische Relevanz, einfach weil es ist. Im Fall: Selbst der Deich und die Flusslandschaft als Ganzes hätten aus dieser Sicht einen eigenen Wert, unabhängig davon, welche Lebewesen darin leben.
Diese Grundpositionen müssen nicht in Reinform vertreten werden. Vorstellbar – und z. B. im Recht auch als Hintergrundüberzeugung vorfindbar – ist auch ein abgestufter Anthropozentrismus, der zwar dem Menschen besondere Rechte einräumt, aber zugleich leidfähigen Lebewesen sowie darüber hinaus auch dem ganzen Ökosystem einen Schutzstatus und Eigenwert zuspricht.
Ablauf
Benötigtes Material
Digital verfügbares Material (s. Download):
- Kurzgeschichte/Erzähltext zum Einstieg (von der Lehrperson vorbereitet, ca. 5–8 Sätze)
- Zwei große Aussagekarten für das Positionsspiel (A4, gut lesbar)
- Rollenkarten für die drei Blickwinkel (Deichwärter:in, andere Tiere des Lebensraums, Nutria)
- Plakate oder Kärtchen für die Gruppenarbeit
- Blätter für die schriftliche Stellungnahme
Material, das zusätzlich benötigt wird:
- Bild einer Nutria und eines beschädigten Deichabschnitts zur Veranschaulichung
1. Einstieg (10 Min.): Die Lehrperson beginnt mit einer kurzen Geschichte: Ein Deichwärter entdeckt frühmorgens ein Loch im Deich – gegraben von einer Nutria. Die Lehrperson zeigt die Illustration des Lochs im Deich (s. Material „Erzähltext zum Einstieg“). Sie stellt die Impulsfrage: „Was würdet ihr tun, wenn ihr für die Sicherheit des Deichs verantwortlich wärt?“
2. Sachinformation (10 Min.): Es folgt ein kurzer Input anhand des vorbereiteten Impulstextes im Material („Sachinformation für die Lehrkraft“): Woher kommt und wo lebt die Nutria, warum breitet sie sich aus, was richtet sie an (Löcher in Deichen, weniger Schilf für andere Tiere)? Ggf. können zur Veranschaulichung YouTube-Videos gezeigt werden.
3. Positionsspiel (15 Min.): Die Lehrperson verteilt zwei Aussagen im Raum (s. Material „Aussagekarten Positionsspiel”): „Man darf ein Tier töten, wenn es Menschen und andere Tiere in Gefahr bringt.“ / „Jedes Tier hat ein Recht zu leben, egal was es tut.“ Die Klasse positioniert sich im Raum und begründet ihre Meinung in Kurzform (s. das Methodenmuster „Positionsspiel“, Anselm & Hoiß 2021).
4. Gruppenarbeit (20 Min.): Drei Blickwinkel: Kleingruppen erhalten je eine Perspektive (Deichwärter:in, andere Lebewesen des Lebensraums, „die Nutria selbst“; s. Material „Rollenkarten“) und überlegen: Was denkt und fühlt diese Figur zu der Frage, ob die Nutria gefangen und getötet werden soll? Die Ergebnisse werden auf ein Plakat oder Kärtchen festgehalten (s. Material „Plakatvorlage Gruppenarbeit“).
5. Vorstellung und Diskussion (15 Min.): Die Gruppen stellen ihre Figur und deren Sichtweise kurz vor (max. 2 Minuten pro Gruppe). Im Anschluss erfolgt ein offenes Klassengespräch: Wo widersprechen sich die Sichtweisen? Gibt es eine Lösung, die alle zufriedenstellt? (s. zu Schritt 4 und 5 das Methodenmuster „Kontrovers, aber fair“)
6. Transfer und Positionierung (15 Min.): Jede:r schreibt eine eigene kurze Stellungnahme (5–8 Sätze, s. Material „Schriftliche Stellungnahme“): „Ich finde, man sollte/sollte nicht …, weil …“ Wer möchte, liest seine/ihre Stellungnahme vor.
7. Abschluss (5 Min.): Sicherung im Plenum: „Was war für euch das Schwierigste an dieser Entscheidung?“
Differenzierungsmöglichkeiten
– Alternative Zusatzrolle: „Landwirt:in/Anwohner:in“, deren Ernte oder Grundstück durch Fraßschäden oder einen instabilen Deich betroffen ist. Dies bringt zusätzlich eine wirtschaftliche Perspektive ins Spiel.
– Vertiefende Rechercheaufgabe für leistungsstärkere Gruppen: Was regelt § 22 BJagdG genau, und welche Alternativen (Zäune, Verhütungsmittel, Lebensraumgestaltung) gibt es zur Bejagung?
– Bei sehr großen Klassen: die Gruppenarbeit „Drei Blickwinkel“ auf mehrere Parallelgruppen je Rolle aufteilen und die Ergebnisse anschließend im Plenum vergleichen.
– Vertiefung ethische Positionen: Höhere Jahrgangsstufen oder leistungsstärkere Gruppen erhalten nach der Gruppenarbeit Kurzbeschreibungen der vier ethischen Grundpositionen Anthropozentrismus, Pathozentrismus, Biozentrismus und Physiozentrismus/Ökozentrismus (s. Hintergrundinformationen und Material „Ethische Grundpositionen“) und ordnen ihre eigene Rolle sowie die der anderen Gruppen einer oder mehreren Positionen zu. Anschließende Diskussion: Welche Position vertritt die Klasse mehrheitlich – und warum?
Mehr Informationen zu grundlegenden Differenzierungsmöglichkeiten
BNE-Kompetenzen
Wissen aufbauen, das weltoffen ist und neue Perspektiven integriert:
Die Schüler:innen verstehen, warum sich die Nutria ausbreitet und welche Folgen das für Deiche und andere Tiere hat.
Risiken, Gefahren und Unsicherheiten erkennen und abwägen:
Die Schüler:innen erkennen, dass verschiedene Personen/Figuren dieselbe Situation unterschiedlich bewerten können und wägen Risiken und Gefahren des (Nicht-)Handelns für Mensch und Umwelt ab.
An kollektiven Entscheidungsprozessen teilhaben:
Die Schüler:innen stellen in der Gruppenarbeit eine fremde Sichtweise dar und üben, diese respektvoll zu vertreten und anzuhören.
Zielkonflikte bei der Reflexion über Handlungsstrategien berücksichtigen:
Die Schüler:innen üben im Positionsspiel und im Klassengespräch, gegensätzliche Meinungen auszuhalten und sachlich miteinander zu diskutieren.
Die eigenen Leitbilder und die anderer reflektieren:
Die Schüler:innen formulieren eine eigene Stellungnahme und erleben, dass es in Ordnung ist, Güterabwägungen zu treffen, obwohl die ethischen Spannungen und Zielkonflikte zwischen Tierschutz, Biodiversität und (menschlicher) Sicherheit bestehen bleiben.
Quellenverzeichnis
Anselm, Sabine u. Christian Hoiß (2021): Positionsspiel. Oder: Wie stehst du eigentlich zu …? In: BNE-BOX. Fachdidaktisch konzipierte Lehr-Lernmaterialien für diskursiv gestalteten Unterricht in allen Fächern. Online: https://www.bne-box.lehrerbildung-at-lmu.mzl.lmu.de/positionsspiel/ (Stand: 15.09.2026)
Bayerisches Wildtierportal: Nutria – Steckbrief. https://www.wildtierportal.bayern.de/wildtiere_bayern/218365/index.php (Stand: 15.09.2026)
Landesamt für Umwelt Brandenburg: Bekämpfung von Bisam und Nutria im Rahmen der Unterhaltung der Hochwasserschutzanlagen und der Gewässer sowie der dazugehörigen wasserwirtschaftlichen Anlagen, abrufbar unter https://mleuv.brandenburg.de/sixcms/media.php/9/Anlage-TSV-Bekaempfung-Bisam-Nutria.pdf (Stand: 15.09.2026)
Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz Brandenburg (MLEUV): Umgang mit Bisam und Nutria. https://mleuv.brandenburg.de/mleuv/de/umwelt/wasser/gewaesser-und-anlagenunterhaltung/umgang-mit-bisam-und-nutria/ (Stand: 15.09.2026)
YouTube-Video „Nutria – die putzigen Problemnager“, abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=CWmGPLbr26M (Stand: 15.09.2026)
ZDF (2025): Nutrias-Ausbreitung: Gefahr für Hochwasser- und Artenschutz. https://www.zdfheute.de/panorama/nutrias-ausbreitung-hochwasserschutz-artenschutz-100.html (Stand: 15.09.2026)
