Hintergrundinformationen

Erzählen ist eine grundlegende Form unseres Zugriffs auf Wirklichkeit und hat vielfach orientierende Funktion. Erzählen ermöglicht es uns, die Welt (oder auch eine andere Welt oder verschiedene Welten) kennenzulernen. Es schafft Zugänge, die wir sonst nicht haben und Perspektiven, die uns sonst verborgen bleiben. Angesichts der globalen Herausforderungen im 21. Jahrhundert kann mit Blick auf den menschlichen Umgang mit der Erde eine Sprache der Vermittlung entstehen, die nachhaltiges Konsumbewusstsein und ein Verständnis für komplexe Zusammenhänge erzeugt. Erzählungen kommt somit didaktische Funktion zu. Sie leisten einen wertvollen Beitrag zur verantwortungsvollen Gestaltung der Zukunft. Neben der Wissensvermittlung geht es oft darum auszuloten, wie mit den Folgen des ökologischen, technischen und sozialen Wandels umzugehen ist, d.h. Erzählungen eröffnen den Menschen die überlebensnotwendige Möglichkeit, nicht allein aus eigenen Erfahrungen, sondern auch aus denen anderer zu lernen und so das eigene Handeln weiterzuentwickeln. Mitzudenken ist hierbei eine spezifische Sicht des Zusammenwirkens von Ästhetik und Ethik: die kognitive Eindimensionalität wird durch affektive Gestaltung bereichert, die Bewusstmachungsprozesse einzuleiten vermag.

Erzählungen können also als Denk- und Reflexionsraum dienen; sie können aber auch für manipulative Zwecke eingesetzt werden – zur Werbung, im politischen Kontext oder in breiter angelegten Kommunikationsstrategien. Von daher ist es im Sinne kritischer Medienerziehung als zentraler Beitrag einer BNE unerlässlich, Schüler:innen an Reflexionsprozesse heranzuführen und Strategien des Umgangs zu entwickeln. Die vorgeschlagene Unterrichtseinheit stellt deswegen exemplarisch verschiedene Formen des Erzählens über die Avocado vor und regt dadurch ganzheitliche Bildungsprozesse (natur-, gesellschafts- und sprachbezogene Bildung) an.

Die Avocado hat als Konsumgut im letzten Jahrzehnt in Deutschland einen wahren Boom erlebt. Nicht nur für Veganer:innen gilt sie als Superfood, da sie trotz ihres hohen Fettgehalts gesund ist und aufgrund dessen aber von vielen als Ersatz für tierische Produkte wie Butter oder Eier genutzt wird. Gleichwohl ist der Genuss durch einen bitteren Beigeschmack beeinträchtigt. Denn die Avocadoproduktion in Mittel- und Südamerika trägt enorm zu sozialen Spannungen und ökologischen Schäden bei: Für die Produktionsflächen werden oft illegal Wälder abgeholzt, der starke Import setzt lokale Kleinbäuer:innen unter Druck und der wasserintensive Anbau von Avocados führt in den Anbauregionen zu Wassermangel für die einheimischen Gemeinden. Dazu kommen die CO2-Emissionen für den Transport der Früchte nach Europa. Allerdings gilt es dies sogleich zu relativieren, denn 100gr Avocado (pro Frucht etwa 0,05kg) verursachen weniger CO2-Emissionen als 100gr Ei (pro Stück etwa 0,2kg). Die ethische Bewertung des Avocado-Konsums ist also durchaus komplexer als man meinen möchte. Erschwert wird die Bewertung zusätzlich dadurch, dass Avocados in unterschiedlichen Ländern der Erde angebaut werden, sodass nicht alle oben genannten Aspekte, die in Chile oder Mexiko gelten, auch auf den Anbau in Spanien zutreffen. Diese teils kontroversen Informationen gilt es mit Blick auf den eigenen Konsum zu reflektieren (vgl. Winterer 2021, o. S.). Sie fließen auch in die Handlungsentscheidungen ein.

Ablauf

Benötigtes Material

  • Visuelle Impulse: Arbeitsauftrag für die Gruppenarbeit (PDF)
  1. Zu Beginn der Stunde zeigt die Lehrperson das Bild einer Avocado, deren Kern eine Weltkugel ist und die sich in die Avocado hineinverästelt. Mit der Frage „Was seht ihr?“ wird zunächst ein rein beschreibender Zugang gewählt, wobei schnell klar wird, dass es sich hierbei um ein Rätsel handelt. Denn die Kombination der beiden Bildelemente lässt einige Fragen entstehen. Nach und nach regt die Lehrperson zu einer gemeinsamen diskursiven Sinnerschließung an, die bei Bedarf durch entsprechende Hinweise gelenkt werden kann.
  2. Im Anschluss teilt die Lehrperson die Lerngruppe in Kleingruppen ein. Die Präsentation der Bilder/Filme wird entweder für alle über Beamer gezeigt, für die Gruppen digital hochgeladen zur Arbeit an digitalen Endgeräten oder die Werbeanzeigen werden alternativ als laminierter Ausdruck zur Verfügung gestellt. Die Schüler:innen gehen dabei der Frage nach, wie die Avocado auf den einzelnen Bildern dargestellt ist, in welchem Kontext das Bild eingebettet ist und welche Wirkung dies jeweils auf die Schüler:innen hat. Zudem stellen die Schüler:innen Vermutungen darüber an, welches strategische oder werbewirksame Interesse sich hinter der Abbildung verbergen könnte und wer dabei womöglich wen mit welchem Appell adressiert.
    Nach der Bearbeitung zeigt die Lehrperson über den Beamer nach und nach nochmals die einzelnen Bilder, trägt die Ergebnisse im Unterrichtsgespräch zusammen und erläutert die Lösungsvorschläge und weitere Hintergrundinformationen. Zusätzlich können zwei Videos eingebunden werden, die deutlich werden lassen, dass Avocados ein Lifestyle-Produkt sind (vgl. “Apeel Avocados” -EDEKA TV-Spot 2020 und EDEKA TV-Spot „Avocado“).
  3. Abschließend werden die Schüler:innen dazu aufgefordert, persönlich Stellung zu beziehen und sich im Raum zu positionieren. Dazu wird die Thematik auf die Fragestellung zugespitzt, ob Konsumentscheidungen die Welt retten können oder nicht. Die Antwortmöglichkeiten „ja“ und „nein“ werden im Klassenzimmer gekennzeichnet und die Schüler:innen gebeten, sich entsprechend zu platzieren.
  4. Ausgehend von dem sichtbaren Ergebnis der Aufstellung soll die Entscheidungsgrundlage der gewählten Position reflektiert werden. In zwei Gruppen werden Argumente ausgehend von Textbeiträgen untersucht (s. dazu https://www.bpb.de/dialog/netzdebatte/274656/warum-konsumentscheidungen-allein-die-umwelt-nicht-retten und https://www.bpb.de/dialog/netzdebatte/281705/wir-brauchen-mehr-nachhaltige-konsument-innen) und auf ihre Aussagekraft hin untersucht.
  5. Auf diese Weise soll die Beantwortung der Frage, ob wir mehr nachhaltige Konsument:innen brauchen, auf nachvollziehbare Weise gelingen und zu reflektierten Handlungsmöglichkeiten befähigen.

BNE-Kompetenzen

In dieser Unterrichtseinheit werden folgende BNE-Kompetenzen von Lernenden besonders gefördert.

Globale Zusammenhänge erkennen und neue Perspektiven ausbauen: Die Schüler:innen vollziehen am Beispiel der Avocado den Einfluss des eigenen Nahrungsverbrauchs und Konsumverhaltens auf das Leben anderer Menschen, landwirtschaftliche Nutzflächen sowie die lokalen Märkte im Globalen Süden nach.

Fächerübergreifend Erkenntnisse gewinnen: Die Schüler:innen erkennen durch die exemplarische Auseinandersetzung mit der Avocado, wie interessensgeleitet die Darstellung von Bildern sein kann, reflektieren deren Wirkung den inhärenten Appel; sie entwickeln dabei einen Zugang zum kritischen Umgang mit Medien.

Gemeinsam mit anderen planen und handeln: Die Schüler:innen diskutieren gemeinsam über die ethische Bewertung des Avocadokonsums und machen Vorschläge, wie man zu einem sinnvollen Umgang in diesem – wie auch anderen – Nachhaltigkeitsdilemmata gelangen kann.

Sich und andere motivieren können, aktiv zu werden: Die Schüler:innen überlegen zusammen, wie sich Konsumentscheidungen aktiv verändern und die erkannten „Gewissensbissen“ vermeiden lassen, ohne die eigene Lebensweise zu sehr zu beeinträchtigen.

Die eigenen Leitbilder und die anderer reflektieren: Die Schüler:innen beleuchten den eigenen und gesellschaftlichen Lebensmittelkonsum hinsichtlich sozialer, ökologischer, ökonomischer und ethischer Aspekte im weltweiten Kontext kritisch und lernen, die verschiedenen Seiten abzuwägen bzw. eine (nachhaltige) Entscheidung zu treffen.

Empathie und Solidarität für Benachteiligte zeigen: Die Schüler:innen erkennen die negativen Auswirkungen des (eigenen) Konsums auf die Lebenssituation von Menschen im Globalen Süden und berücksichtigen diese sozialen Aspekte bei ihrer Konsumentscheidung.

Mehr Informationen zum Zusammenhang von BNE-Kompetenzen von Lernenden und Lehrenden

Quellenverzeichnis

“Apeel Avocados”. EDEKA TV-Spot 2020. Abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=_VAUm6p7w3s (Stand: 19.02.2021).

EDEKA TV-Spot „Avocado“. Abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=oraZ3JjhLnc&feature=emb_rel_end (Stand: 19.02.2021).

Ekardt, Felix (2019): Warum Konsumentscheidungen allein die Umwelt nicht retten. Abrufbar unter: https://www.bpb.de/dialog/netzdebatte/274656/warum-konsumentscheidungen-allein-die-umwelt-nicht-retten (Stand: 19.02.2021).

Heidbrink, Ludger (2019): Wir brauchen mehr nachhaltige Konsument/-innen! Abrufbar unter: https://www.bpb.de/dialog/netzdebatte/274656/warum-konsumentscheidungen-allein-die-umwelt-nicht-retten (Stand: 19.02.2021).

Winterer, Andreas (2021): Avocado kaufen oder nicht? Wichtige Fakten zu Umwelt, Bio & mehr. Abrufbar unter: https://utopia.de/ratgeber/avocado/#avocado-umwelt (Stand: 19.02.2021)