Hintergrundinformationen

In der Kinder- und Jugendliteratur wimmelt es von tierischen Lebewesen. Anders als in der Lebenswelt der meisten Menschen spielen einzelne Tiere und Tierarten die Hauptrolle in vielen Erzählungen: Literatur verkehrt mitunter die global vorherrschende menschliche Dominanz ins Gegenteil, indem sie alternative Perspektiven auf die Beziehung zwischen den Tieren und den Menschen aufzeigt und „die menschliche Kultur und Barbarei von einem grundsätzlich anderen Standpunkt aus beleuchte[t]“ (Abraham 2013, S. 44).

Zugleich verschwinden die Tiere aber aus unserer Welt – und zwar ganz real, wie die Wissenschaft angesichts eines sechsten Massensterbens unermüdlich konstatiert. Weltweit ist die Rate an aussterbenden Tier- und Pflanzenarten schon jetzt „mindestens zehn- bis einhundertmal höher als im Durchschnitt der letzten 10 Millionen Jahre; das Artensterben nimmt immer mehr zu“ (vgl. Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung 2019, 9). Der Anbau von Monokulturen, Pestizideinsatz und exzessive Bodenversiegelung sind nur einige Gründe dafür, dass jedes Jahr Tausende von Arten irreversibel von der Erde verschwinden. Der Mensch spricht dabei vom Verlust von Biodiversität und meint damit (auch) die Gefahr, die vom galoppierenden Aussterben nicht-menschlicher Spezies für das Überleben der menschlichen Spezies ausgeht. Dieses ungleiche Verhältnis schlägt sich in der Sprache nieder:
„Sprache hat entscheidend dazu beigetragen, daß sich der Mensch der Natur gegenüber ‚durchgesetzt‘ und über die Erde verbreitet hat. Sprache spiegelt die größere oder geringere Wertschätzung, die wir den einzelnen Bereichen der Natur entgegenbringen, und zeigt den Gebrauch, den wir von ihnen machen. Sie kann durch Verharmlosung und Verschleierung über die Ausbeutung der Natur hinwegtäuschen, andererseits spiegelt sie aber auch Änderungen in unserem Verhältnis zur Natur und kann sogar dazu beitragen, die drohende Zerstörung der ‚Umwelt‘ ins Bewußtsein zu rufen und noch größere Schäden zu verhindern.“ (Fill 1993, S. 103)

Auch wenn uns das überraschend vorkommt, so sollte die „Rolle der Sprache, sei es als Problemverursacher oder als Problemlöser, […] beim Umgang mit Tieren nicht übersehen werden“ (Heuberger 2016, S. 199). Zwar ist die Bildung von Kategorien eine der wesentlichen Funktionen von Sprache, die das „Sich-Zurechtfinden der Menschen auf der Welt durch Ordnen des Chaos der Erscheinungen“ (Fill 1993, S. 130) ermöglicht. Zugleich jedoch konstruieren wir im Sprechen über die Tiere unser Verhältnis zu ihnen in wesentlicher Form mit (vgl. Heuberger 2016): Wir sprechen von „Schädlingen“ und behandeln (also töten sie) als solche, nur weil sie uns als Menschen in einer bestimmten Weise schaden, für das gesamte Ökosystem aber möglicherweise grundlegend wichtig sind; wir sprechen von „Vieh“ oder „Viehbestand“ als Nutztier-Kollektiv und lassen dabei die Existenz und die Charakteristika des einzelnen Lebewesens beiseite; bei anderen Tieren wie dem „Nerz“ oder der „Sardelle“ haben wir schon gar kein Tier mehr vor Augen, sondern nur noch das tierische Produkt.

Daher sollten wir unsere Sprache – konkret: unser Sprechen über die Tiere – auf inhärente Wertzuschreibungen hin reflektieren, überprüfen und unser sprachliches Handeln gegebenenfalls anpassen. Leitende Fragen können dabei sein, wie wir in Alltags- und Fachsprache über Tiere sprechen oder inwieweit unser Sprachgebrauch von menschlichem Nützlichkeitsdenken geprägt ist (vgl. Heuberger 2016, S. 200).

Ablauf

Benötigtes Material

  1. Die Schüler:innen lesen gemeinsam den Ausschnitt aus dem Text „Wilbur und Charlotte“.
  2. Die Schüler:innen erarbeiten in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit, wie die Beziehung der Menschen zu den Tieren im Text ausgestaltet ist und wie sich diese Beziehung sprachlich äußert. Die entsprechenden Textstellen sollten markiert werden.
  3. Die Lerngruppe diskutiert über die Ergebnisse und überlegt, warum E.B. White in den ausgewählten Textstellen gerade so und nicht anders formuliert hat. Dabei kann die Suche nach alternativen Formulierungen bei der Klärung dieser Zusammenhänge helfen, indem man nach den jeweiligen Werteinstellungen fragt, die hinter den Formulierungen im Originaltext sowie den gefundenen alternativen Ausdrucksformen stehen.
  4. Die Diskussion wird am Ende auf die Rolle von Sprache in der Beziehung der Menschen zu den Tieren gelenkt.
  5. Zur Weiterarbeit können Schüler:innen weitere Sprachbeispiele aus sämtlichen Bereichen gesellschaftlichen Lebens mitbringen.

Hinweise

Denkbar ist auch eine Durchführung der Unterrichtseinheit mit anderen Texten, die ähnliche sprachliche Beschreibungen der Beziehung der Menschen zu den Tieren enthalten.

BNE-Kompetenzen

In dieser Unterrichtseinheit werden folgende BNE-Kompetenzen von Lernenden besonders gefördert.

Globale Zusammenhänge erkennen und neue Perspektiven ausbauen: Die Schüler:innen erkennen den vom menschlichen Nutzen ausgehenden Blick auf Tiere sowie Alternativen zur Anthropozentrik.

Fächerübergreifend Erkenntnisse gewinnen: Die Schüler:innen lernen die Bedeutung von Sprache bei der Konstruktion von Welt kennen; sie reflektieren über Wertvorstellungen, die durch Sprache transportiert werden.

Gemeinsam mit anderen planen und handeln: Die Schüler:innen tauschen sich gemeinsam über das (literarische) Verhältnis der Menschen zu den Tieren sowie über die eigene und fremde Wahrnehmung dieses Verhältnisses aus.

Zielkonflikte bei der Reflexion über Handlungsstrategien berücksichtigen: Die Schüler:innen lernen den Stellenwert von Tieren in verschiedenen Kontexten kennen und vollziehen damit verbundene Interessensunterschiede und Meinungsdifferenzen nach.

Die eigenen Leitbilder und die anderer reflektieren: Die Schüler:innen reflektieren Wertvorstellungen, die sprachlichen Äußerungen zugrunde liegen; sie diskutieren anhand des Textes eigene Wertvorstellungen z.B. bzgl. der Rechte von Tieren oder im Umgang mit ihnen.

Vorstellungen von Gerechtigkeit als Entscheidungs- / Handlungsgrundlagen nutzen: Die Schüler:innen verknüpfen ethische Fragestellungen mit dem eigenen Sprachgebrauch und entdecken einen kritischen und kreativen Umgang mit sprachlichen Zuschreibungen beim Lesen eines literarischen Textes.

Mehr Informationen zum Zusammenhang von BNE-Kompetenzen von Lernenden und Lehrenden

Quellenverzeichnis

Abraham, U. (2013): Animal fantasy im Deutschunterricht. ‚Die wilden Hunde von Pompeii‘ vor dem Hintergrund einer tierischen Gattungsgeschichte. In: Praxis Deutsch (240), S. 44–52.

Fill, A. (1993): Ökolinguistik. Eine Einführung. Tübingen.

Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (2019): Das „Globale Assessment“ des Weltbiodiversitätsrates IPBES. Die umfassendste Beschreibung des Zustands unserer Ökosysteme und ihrer Artenvielfalt seit 2005 – Chancen für die Zukunft. Auszüge aus dem “Summary for policymakers der Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES). https://www.helmholtz.de/fileadmin/user_upload/IPBES-Factsheet.pdf (Stand: 10.02.2021)

Heuberger, R. (2016): Linguistik. Das Tier in der Sprache. In: A. Förster, W. Kellerwessel und C. Krämer (Hg.): Mensch – Tier – Ethik im interdisziplinären Diskurs. Berlin, Münster: LIT, S. 199– 211.

Hoiß, C. (2019): Deutschunterricht im Anthropozän – Didaktische Konzepte einer Bildung für nachhaltige Entwicklung.
https://edoc.ub.uni-muenchen.de/24608/1/Hoiss_Christian.pdf (Stand: 07.02.2021).

White, E.B. (2007): Wilbur und Charlotte. Zürich: Diogenes.